Nachhaltige Konsumpraktiken

Obsoleszenz als ein sozial-technisches Phänomen zu verstehen, setzt an der These an, dass die Ursachen für Obsoleszenz nicht allein in der Technik verortet sind. Stattdessen ist Obsoleszenz Teil einer gesellschaftlichen Praxis, in der Wirtschafts-, Produktions-, Marketing- und Konsumpraktiken eng miteinander verwoben sind. Ein Schwerpunkt der Nachwuchsgruppe befasst sich mit den Praktiken von Konsumentinnen und Konsumenten und der Frage, wie diese zu verkürzten Nutzungs- und Lebensdauern beitragen.

Das Handeln von Konsument/innen wird vor dem Hintergrund praxistheoretischer Ansätze betrachtet (siehe auch Wissensintegration). Handlungen und Entscheidungen in verschiedenen Phasen des Umgangs mit Produkten – von der Phase vor dem Kauf bis hin zur Entsorgung – werden in den Kontext sozialer Praktiken eingebettet. Soziale Praktiken sind Routinen, das heißt relativ feste Handlungsabläufe oder -muster, die auf Basis ihres praktischen Know-Hows in bestimmten sozialen Settings (wie z.B. Arbeitsplatz, Haushalt) unter Zuhilfenahme materieller Voraussetzungen ausgeführt werden¹². Die Entsorgung eines eigentlich noch nutzbaren Geräts oder der Kauf eines neuen bzw. zusätzlichen Geräts wird dabei nicht mehr als individuelle Entscheidung betrachtet, sondern konsequent in soziale Prozesse der Bedeutungszuweisung (was gilt als alt und was als modern?) eingebettet. Zudem wird untersucht, welche Rolle praktisches Wissen in Bezug auf Produkte (z.B. Wissen über Lebensdauern oder Reparaturmöglichkeiten, eigene Reparaturkompetenzen) und materielle sowie sozial-räumliche Faktoren (Produkteigenschaften, Verfügbarkeit von neuen Produkten vs. Reparaturdienstleistungen, etc.) die Länge der Nutzungdauer beeinflussen.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Frage, inwieweit Wissen über und ein Interesse für langlebige Produkte in verschiedenen gesellschaftlichen Segmenten vorhanden ist und welche Rolle Langlebigkeit, Modularität und Reparierbarkeit als mögliche Elemente einer Kreislaufwirtschaft in den Kauf- und Nutzungspraktiken spielen. Es soll eine Typologie entwickelt werden, die Rückschlüsse auf soziale Praktiken verschiedner sozialer Segmente im Kontext der verschiedenen Arten von Obsoleszenz zulässt. Gleichzeitig gelingt es damit, gruppenspezifische Barrieren des umweltfreundlichen Handels bzw. nachhaltigen Konsums zu identifizieren und Erkenntnisse zu generieren, wie diese überwunden werden können.

Ansprechpartnerinnen: Tamina Hipp und Melanie Jaeger-Erben

Relevante Veröffentlichungen in diesem Schwerpunkt:

Jaeger-Erben, Melanie und Hipp, Tamina/ Nachwuchsgruppe Obsoleszenz (Hrsg., 2017). Letzter Schrei oder langer Atem? – Erwartungen und Erfahrungen im Kontext von Langlebigkeit bei Elektronikgeräten. Vorläufige Kurz-Auswertung einer repräsentativen Online-Befragung in Deutschland. OHA-Texte 1/2017.

 

¹Shove, Elizabeth; Spurling, Nicola (2013a): Sustainable practices. Social theory and climate change. Hoboken: Taylor and Francis (Routledge advances in sociology). Available online at http://gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx?p=1157759

²Jaeger-Erben, Melanie; Winzer, Janis; Marwede, Max; Proske, Marina (2016): Obsoleszenz als Herausforderung für Nachhaltigkeit. Ursachen und Alternativen für Kurzlebigkeit in der „Wegwerfgesellschaft“ in  Rogall, Holger; Binswanger, Hans-Christoph; Ekardt, Felix; Grothe, Anja; Hasenclever, Wolf-Dieter; Hauchler, Ingomar et al. (Eds.) (2016): Im Brennpunkt Ressourcenwende – Transformation zu einer ressourcenleichten Gesellschaft. Metropolis-Verlag für Ökonomie Gesellschaft und Politik GmbH. [1. Auflage]. Marburg: Metropolis Verlag (Jahrbuch Nachhaltige Ökonomie, 5.2016/2017). Seite 91-122. http://www.metropolis-verlag.de/Jahrbuch-Nachhaltige-Oekonomie-20162017/1232/book.do